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Gründungsversammlung

Medizinische Herausforderungen bei geistiger Behinderung Ein Brückenschlag zwischen moderner Medizin und Wohnheimalltag 02./03. November 2007, Schweizerisches Epilepsie-Zentrum, Zürich

Unter diesem Titel fand Anfang November im Schweizerischen Epilepsie-Zentrum in Zürich eine zwei Halbtage umfassende Tagung für interessierte ÄrztInnen statt. Sie war als Fortbildungsveranstaltung gedacht und widerspiegelt den Umstand, dass in der Schweiz seit ca. 20 Jahren Menschen mit geistiger Behinderung immer häufiger nicht mehr in Kliniken untergebracht sind sondern in eigens für ihre Bedürfnisse konzipierten Wohnheimen bzw. Wohngruppen betreut werden. Dabei wird ihre medizinische Versorgung meist auch nicht mehr von SpitalärztInnen, sondern von HausärztInnen sichergestellt. Ein spezifisches Fortbildungsangebot auf diesem Gebiet existiert derzeit noch nicht, und auch der fachliche Austausch unter den betreuenden ÄrztInnen ist, wenn überhaupt, zufällig und/oder der Initiative der Betroffenen überlassen. 

Den Initiatoren der Tagung, dem praktizierenden Psychiater und Psychotherapeuten Felix Brem von Weinfelden und Thomas Dorn, Leitender Arzt am Epilepsie-Zentrum in Zürich, ist deshalb ein riesengroßer Kranz zu winden. Sie regten neben den Fortbildungsbemühungen überdies an, eine Arbeitsgemeinschaft von ÄrztInnen für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung zu gründen. Ein vergleichbarer Zusammenschluss existiert in Deutschland unter dem Namen «Bundesarbeitsgemeinschaft Aerzte für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung e.V.» (www.aemgb.de). Erfreulicherweise und als Bereicherung des Anlasses war die Fortbildungsveranstaltung zugleich Herbsttagung der deutschen Bundesarbeitsgemeinschaft.   Offensichtlich bestand bei betroffenen ÄrztInnen in der Schweiz ein großes Bedürfnis für einen derartigen Anlass, sodass die Zahl der Anmeldungen die Erwartungen der Veranstalter bei weitem überschritt. Trotzdem gelang es den Organisatoren und ihren MitarbeiterInnen vollumfänglich, zwei inhaltlich und infrastrukturell tadellose Halbtage auf die Beine zu stellen, wofür allein schon allen Beteiligten größter Dank gebührt.

Der Nachmittag des 02. November 2007 stand unter dem Thema «Moderne Medizin und Menschen mit geistiger Behinderung». Das erste Referat brachte einen Überblick von Thomas Dorn zum Problem der Epilepsietherapie bei behinderten Menschen. Behinderte leiden häufiger unter einer Epilepsie und deren Verlaufsform ist häufig schwerer und schwieriger zu behandeln als bei Nicht-Behinderten. Eindrückliche Videosequenzen unterstrichen hier etwa das Problem, eine «banale» Verhaltensstörung von einem epileptischen Anfall zu unterscheiden. Der nachfolgende Überblick über die epilepsiespezifische Pharmakotherapie war äußerst umfassend – und wohl für harmlosere HausärztInnen wie mich etwas weit gehend. Er illustrierte aber aufs beste die Notwendigkeit, als betreuender Hausarzt von Menschen mit Behinderung die Hilfe und Beratung von spezialisierten FachkollegInnen in Anspruch zu nehmen, insbesondere von NeurologInnen.

Im zweiten Referat sprach Christian Schanze, Ärztlicher Leiter des St. Camillus-Krankenhauses in Ursberg (Bayern), einer für Behinderte spezialisierten psychiatrischen Klinik. Sein Thema war die «Psychopharmakologische Behandlung bei Menschen mit Intelligenzminderung». Sein brillantes Referat wusste hervorragend herauszuschälen, wie vor (und oft auch neben oder gar statt) der medikamentösen Behandlung immer auch erst ein geduldiges Erfassen der aktuellen Situation und der Versuch, dieselbe als Reaktion auf irgendein Vorkommnis oder eine Entwicklung zu verstehen. Es verwundert deshalb kaum, dass dabei Christian Schanze ein vor der Medizin absolviertes Studium der Pädagogik (initial als lästiger Lückenfüller in der Wartezeit auf einen Platz im Medizinstudium verkannt) von größtem Nutzen war und ist.

Der dritte Beitrag war dem Thema «Ambulante Narkose für (geistig) behinderte Patienten» gewidmet und gab Einblick in die segensreiche Tätigkeit von Matthis Lang, Mitglied der Ärztegemeinschaft für Praxis-Anästhesie. In eindrücklichen und klaren Worten, unterstützt durch eine beeindruckende Videosequenz von der Narkoseeinleitung eines Behinderten beim Zahnarzt, gelang es ihm, den nicht genug zu schätzenden Vorteil einer Narkose in einer Praxis gegenüber einer solchen in einer Klinik aufzuzeigen und vergaß nicht, darauf hinzuweisen, welche Bedingungen dafür erfüllt sein müssen bzw. welche Kontraindikationen bestehen.

Der Tag schloss mit einem angenehm nüchternen Referat von Stefan Dierauer, Leitender Arzt der Kinderorthopädie am Kinderspital Zürich, zu den «Orthopädischen Problemen im Erwachsenenalter bei angeborener oder früh erworbener neurologischer Grunderkrankung». Er zeigte auf, welche (unvermeidlichen) Deformierungen am Bewegungsapparat wie, wann und mit welcher Erfolgsaussicht behandelt werden können. Nicht verschwiegen wurde aber auch, welche Maßnahmen kaum sinnvoll sind und deshalb vermieden werden sollen.

Der Samstagvormittag stand unter dem Hauptthema «Alltagsprobleme – wie helfen Fachleute?». In vier kürzeren, aber sehr praxisnahen und berührenden Beiträgen wurden solche Alltagsprobleme aus der Sicht eines Heimleiters (Toni Iten-Bühlmann, Wohnheim Casa Macchi, Hergiswil), einer Heimärztin (Sandra Ohle, Wohnheim des Epilepsie-Zentrums, Zürich), einer Bereichsleiterin (Kathrin Wanner, Behindertenwerke Oberemmental, Langnau i.E.) und eines Hausarztes, der mehrere Wohngruppen betreut (Daniel Gelzer, Basel) zum Ausdruck gebracht. Die prägnanten Schilderungen aller vier RednerInnen machten deutlich, wie sehr bei der Betreuung Behinderter alle Beteiligten auf einen konstruktiven und kreativen gegenseitigen Umgang angewiesen sind, der Anerkennung und Verständnis für das Gegenüber erfordert.

Frau Professor Heleen Evenhuis, Lehrstuhlinhaberin an der Erasmusuniversität in Rotterdam, sprach äußerst sympathisch und lebendig über den jahrelangen Weg beim «Aufbau eines spezialisierten Fachgebietes „Arzt für geistig behinderte Menschen“ in den Niederlanden». Ihre unbestechliche, optimistische und humorvolle Hartnäckigkeit wirkte ansteckend und machte Mut, an die Vision einer ähnlichen Entwicklung in der Schweiz zu denken.

Christian Kind schließlich, Chefarzt der Pädiatrischen Klinik in St. Gallen, berichtete von der Arbeit der Subkommission «Medizinische Behandlung und Betreuung von Menschen mit Behinderung» der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW). Mit großer Hochachtung vor der umfassenden Arbeit durften die Anwesenden im Sinne einer Vorinformation vom Inhalt der medizinisch-ethischen Richtlinien und Empfehlungen zu dieser Thematik Kenntnis nehmen, die in wenigen Wochen zur Vernehmlassung in der Schweizerischen Ärztezeitung publiziert sein werden.

In einer abschließenden Podiumsdiskussion mit allen ReferentInnen wurden die angesprochenen Themata Revue passiert und wo erforderlich mit ergänzenden Bemerkungen verdeutlicht; auch einige Fragen aus dem Auditorium konnten diskutiert werden.

Dr. med. Florian Suter, Bubendorf

Protokoll der Gründungsversammlung

Veranstaltungshinweise

 

VBMB-Tagung

Mittwoch, 14. November 2018 in Zürich

Thema: Ethik in der Vielfalt

Tagungs-Programm

Aktuelle Empfehlungen

 

Urteilsfähigkeit und Stellvertreterentscheide

vgl. Archiv > Jahrestagungen > 11. Jahrestagung 2018

 

Stellungsnahme der SAGB zum Tarmed

Brief an Bundesrat Berset (16.6.2017)

 

Krisenintervention
Medizinische Krisenintervention bei Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung

 

Osteoporose bei Geistig- und Mehrfachbehinderten

Empfehlungen zur Vorbeugung und Behandlung von Osteoporose bei Geistig- und Mehrfachbehinderten

Richtlinien zur Vorbeugung und Behandlung von Osteoporose bei Geistig - und Mehrfachbehinderten

 

Termine und Daten

 

Jahrestagung 2019

Do, 23.Mai 2019 in Olten

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